Tag der Niederlage des Nationalsozialismus und Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Lettland
Am 8. Mai ist der Tag der Niederlage des Nationalsozialismus und Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Lettland. Diese Veranstaltung findet jährlich in der ersten Dekade des Monats Mai statt.

Erinnerung zwischen Befreiung und neuer Fremdherrschaft
Was bedeutet der 8. Mai, wenn das Ende einer Diktatur zugleich den Beginn einer neuen Unterdrückung markiert?
Während in vielen europäischen Ländern der 8. Mai als Tag der Befreiung gefeiert wird, ist er in Lettland ein Tag mit doppeltem Boden. Er steht für das Ende des nationalsozialistischen Terrors – und zugleich für die Rückkehr der sowjetischen Herrschaft.
Historischer Hintergrund: Zwei Besatzungen, ein zerrissenes Gedächtnis
Lettland wurde 1940 zunächst von der Sowjetunion besetzt – infolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts zwischen Hitler und Stalin. 1941 folgte die deutsche Besatzung. 1944/45 rückte die Rote Armee erneut ein.
Für viele Letten bedeutete das Jahr 1945 daher keine nationale Freiheit, sondern die Eingliederung in die Sowjetunion – eine Phase, die bis 1991 andauerte.
Diese historische Erfahrung prägt das kollektive Gedächtnis bis heute.
Der Holocaust in Lettland
Während der deutschen Besatzung wurden fast alle lettischen Juden ermordet. Historiker gehen davon aus, dass rund 70.000 lettische Juden sowie Zehntausende aus anderen Ländern deportierte Menschen ums Leben kamen. Orte wie das Ghetto von Riga oder der Wald von Rumbula sind bis heute zentrale Gedenkstätten.
Der 8. Mai ist daher auch ein Tag des stillen Gedenkens an diese Opfer.
8. oder 9. Mai? Ein sensibles Datum
In Westeuropa gilt der 8. Mai 1945 als offizielles Kriegsende in Europa. In Russland und Teilen der russischsprachigen Bevölkerung Lettlands wird traditionell der 9. Mai als „Tag des Sieges“ begangen.
Diese unterschiedliche Datierung ist mehr als eine Formalität.
Sie spiegelt unterschiedliche historische Narrative wider:
Für viele ethnische Letten: Ende einer Besatzung – Beginn einer neuen.
Für viele russischsprachige Bürger: Sieg über den Nationalsozialismus.
Gerade in Riga kam es in der Vergangenheit rund um den 9. Mai immer wieder zu politischen Spannungen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich der öffentliche Umgang mit sowjetischen Symbolen deutlich verändert. Zahlreiche Denkmäler wurden entfernt oder umgewidmet.
Wie wird der Tag heute begangen?
Der 8. Mai ist in Lettland kein klassischer Feiertag mit großen staatlichen Zeremonien wie etwa in Frankreich. Stattdessen steht das stille Gedenken im Vordergrund:
Kranzniederlegungen an Gedenkstätten
kirchliche Andachten
historische Veranstaltungen
Bildungsprojekte an Schulen
Seit der Unabhängigkeit 1991 bemüht sich Lettland um eine differenzierte Erinnerungskultur, die sowohl die nationalsozialistischen als auch die sowjetischen Verbrechen anerkennt.
Erinnerungskultur in einem europäischen Kontext
Als Mitglied der Europäischen Union positioniert sich Lettland heute klar gegen totalitäre Ideologien – unabhängig davon, ob sie nationalsozialistisch oder stalinistisch geprägt waren.
Das Europäische Parlament hat mehrfach betont, dass beide Systeme millionenfaches Leid verursacht haben. Diese doppelte Erfahrung prägt besonders die baltischen Staaten.
Die lettische Perspektive erinnert uns daran: Geschichte ist selten eindeutig. Sie ist vielschichtig – und manchmal schmerzhaft widersprüchlich.
Warum dieser Tag auch für uns relevant ist
Auch im deutschsprachigen Raum wird der 8. Mai unterschiedlich bewertet. In Deutschland sprach Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 vom „Tag der Befreiung“. Diese Formulierung prägte das öffentliche Bewusstsein nachhaltig.
Doch die baltische Sichtweise erweitert unseren Blick.
Sie zeigt, dass Befreiung nicht überall dasselbe bedeutete.
Gerade in einer Zeit geopolitischer Spannungen lohnt es sich, genauer hinzusehen. Erinnerung ist nie nur Vergangenheit – sie formt politische Haltung, Identität und Zukunft.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist der 8. Mai in Lettland ein gesetzlicher Feiertag?
Nein, es ist kein arbeitsfreier Feiertag, sondern ein Gedenktag.
Warum ist der 9. Mai umstritten?
Weil er traditionell mit sowjetischen Siegesfeiern verbunden ist und für viele Letten an die Zeit der sowjetischen Besatzung erinnert.
Wann wurde Lettland wieder unabhängig?
1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion.
Wird in Lettland sowohl an NS- als auch an sowjetische Verbrechen erinnert?
Ja. Die offizielle Erinnerungspolitik betont beide totalitären Systeme.
Die Zukunft wird’s zeigen
Der 8. Mai steht in Lettland für das Ende des nationalsozialistischen Terrors – und zugleich für den Beginn einer neuen Fremdherrschaft. Diese doppelte historische Erfahrung prägt bis heute Gesellschaft, Politik und Erinnerungskultur.
Obwohl dieser Tag von historischen Spannungen und konkurrierenden Deutungen geprägt ist, bietet er zugleich die Chance zu einer ehrlichen, vielschichtigen Erinnerung. Gerade in einer Zeit neuer geopolitischer Unsicherheiten kann ein differenzierter Blick auf Geschichte Orientierung geben. Genau das zeigt die lettische Perspektive besonders deutlich.
Wie gehen wir selbst mit komplexen historischen Wahrheiten um – suchen wir einfache Antworten oder halten wir Ambivalenz aus?
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Tag der Niederlage des Nationalsozialismus und Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs in Lettland im Kalender 2026, 2027
Dieses jährlich wiederkehrende Ereignis ist in folgenden Kalendern enthalten: Jahrestage, Lettland.
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